Plötzlich an der Front

Das Interesse am Holzbau steigt weltweit, so auch in Österreich. Seit Jahren nimmt der Anteil an genehmigten Holzgebäuden am Gesamtbauvolumen zu. Was dabei oft vergessen wird: Ein expandierender Markt bringt – wenn er nicht gerade von wenigen Oligopolisten bestimmt wird – unweigerlich höheren Konkurrenzdruck mit sich. Ein mittelgroßes Zimmereiunternehmen aus der Steiermark kann ein Liedchen davon singen – und das trotz jahrelanger technologischer Weiterentwicklung seiner Kompetenzen.

Wir sind diesmal in Rottenmann unterwegs, unweit eines der schönsten Naturreservate Österreichs – des Nationalparks Gesäuse. Dort treffen wir auf Gernot Huber und Eduard Reisinger, die beiden Geschäftsführer des seit 85 Jahren bestehenden Traditionsunternehmens Holzbau Pitzer-Huber. Auf den ersten Blick scheint die Welt an diesem beschaulichen Ort noch in Ordnung zu sein. Von der Anspannung, der man hier ausgesetzt ist, erfahren wir erst im Gespräch. „Heuer mussten wir zum ersten Mal richtig kämpfen, um unser Unternehmen auszulasten. Die Zeiten werden – trotz des gestiegenen Interesses an der ökologischen und CO2-neutralen Bauweise – zunehmend herausfordernder für so kleine Betriebe wie unseren", leitet Gernot Huber ein.

Eduard Reisinger und Gernot Huber (v. li.) – die beiden Geschäftsführer von Holzbau Pitzer-Huber; © Pitzer-Huber

csm Pitzer Huber 01 988a67b864Bei der Tätigkeit seines Unternehmens lässt sich nicht gerade von einer Spezialisierung auf Kernkompetenzen sprechen. Im Gegenteil: Pitzer-Huber ist in Sachen Holzbau ein gewachsenes Multitalent. Das Portfolio reicht von klassischen Zimmermannsarbeiten über Einfamilienhäuser in Block- oder Massivholzbauweise und landwirtschaftliche Hallengebäude bis hin zum schlüsselfertigen Architektenhaus im Passivhausstandard. „Unser Hauptgeschäft und die stärkste Säule unseres Betriebes ist und bleibt aber das klassische Holzriegelhaus. Damit sind wir groß geworden, das können wir am besten und darauf sind unsere Werkshallen und Maschinen ausgelegt und unsere Mitarbeiter geschult – diesen Weg haben schon meine Vorfahren geebnet. Das Riegelhaus ist es, das uns am Leben erhält", so Huber. Kollege Eduard Reisinger ergänzt: „Freilich muss man heute die ganze Palette abdecken. Wir treten am liebsten als Generalunternehmer auf und sind im Umgang mit Brettsperrholz und neuen Technologien versiert. Aber unterm Strich ist für uns das Holzriegelhaus die wirtschaftlichste Lösung, weil wir mit rund 20 solchen Häusern pro Jahr alle unsere 50 Mitarbeiter sowie teure Maschinen, wie unsere Hundegger-Abbundanlage, auslasten können."

Den Bauherrn drückt der Schuh

„Wo liegt dann das Problem?", fragen wir. „Es liegt daran, dass privaten Bauherren heute weniger Geld zur Verfügung steht, als das früher der Fall war. Banken stellen sich bei der Finanzierung zunehmend quer. Wenn die Finanzspritzen kleiner sind oder ganz wegfallen, sind die Bauherren gezwungen, zu sparen. Und weil das schlüsselfertige Haus der großen Fertighausindustrien nunmal auf den ersten Blick günstiger scheint, wächst der Konkurrenzdruck durch diese mächtigen Marktteilnehmer enorm", erläutert Gernot Huber. Der Holzbau-Meister liefert aber auch gleich ein Rezept zur Situationsbewältigung: Durch höhere und individuell anpassbare Bauqualität sowie Mehrwerte, die erst auf den zweiten Blick erkenntlich werden, stechen sich die Vorteile des Meister-Holzbaus den scheinbar günstigeren Preis eines Fertighauses aus. „Was dem Bauherrn meist entgeht, wenn er sich sein Haus im Internet per Knopfdruck bestellt: Was als ‚schlüsselfertig für 100.000€' angepriesen wird, stellt sich beim Blick aufs Kleingedruckte nicht selten als Preisfalle heraus. Beispielsweise sind die Kataloghäuser oft nicht an die regionalen Gegebenheiten angepasst. Hier in der Steiermark sind vielerorts höhere Schneelasten in die Gebäudestatik miteinzurechnen, anderenorts wiederum gibt es überdurchschnittliche Anforderungen an Sturm- und Wetterfestigkeit. Oder was wir auch schon oft gesehen haben, ist, dass essenzielle Teile eines ‚schlüsselfertigen' Hauses komplett fehlen, wie zum Beispiel ein Kamin. Diese ‚Zusatzleistungen' müssen dann extra bezahlt werden. Ein derartiges Vorgehen wäre für unsere Firma undenkbar – und ich glaube, damit spreche ich für die gesamte Branche des handwerklichen Holzbaus. Tatsächlich ist es so, dass, wenn uns ein Bauherr die Chance gibt, die Leistungen der Fertighausindustrien mit unseren konkret zu vergleichen, dann können wir ihn von unserem Konzept überzeugen und bekommen den Zuschlag – einfach, weil der Mehrwert sowohl finanziell als auch in Bezug auf den Service und die Qualität einleuchtet."

Wohnbauförderung? Nein, danke!

Aber nicht nur die schwindende Kaufkraft der Häuslbauer bereitet den Leuten bei Holzbau Pitzer-Huber Sorgen. Das Unternehmen hat über Jahrzehnte weitreichende Erfahrungen im Bau von Passivhäusern erlangt. Gernot Huber selbst bewohnt eines und ist überzeugt vom energiesparenden Wohnhaus, das im Winter fast ohne Heizung betrieben werden kann und das auch im Hochsommer angenehme Raumtemperaturen bietet. „Nur leider baut heutzutage keiner mehr ein Passivhaus – selbst dann, wenn die Bauherren von den technischen Vorteilen begeistert sind", erzählt Eduard Reisinger. „Der Staat beziehungsweise die EU haben es mit immer höheren regulatorischen Anforderungen an den Standard des Passivhauses geschafft, diese Bauweise für Bauherren gänzlich uninteressant zu machen. Deshalb verzichten heute nahezu alle freiwillig auf die Wohnbauförderung, weil man ohne mittlerweile günstiger baut – aber dann eben nur im Niedrigenergiestandard."

Die Asse im Ärmel

„Was also tun? Wie geht es weiter?", möchten wir wissen. Die Antwort liefern die beiden Geschäftsführer zuversichtlich, aber pragmatisch: „Wir müssen weiterhin schlagkräftig argumentieren, unsere Augen offen halten und um jeden Auftrag kämpfen. Während wir vor 15 Jahren noch im Umkreis von 50km um unseren Standort agierten, hat sich der Radius mittlerweile auf Salzburg, Ober- und Niederösterreich sowie Wien ausgedehnt – und wir gehen davon aus, dass die Expansion voranschreitet."

Ein besonderes Ass hält man zudem schon seit fast 20 Jahren im Ärmel: Es nennt sich „Dein Haus". Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss 13 regionaler Meisterbetriebe – Elektriker, Installateur, Maler, Fliesenleger, Dachdecker, Tischler, Zimmerer etc, die an einem gemeinsamen Strang ziehen. Mit Martina Kaml ist auch eine Architektin an Bord. Durch die Kombination der einzelnen Kompetenzen können sich interessierte Bauherren Häuser nach ihrem Geschmack schlüsselfertig von einem einzigen Ansprechpartner zusammenstellen lassen. Die jeweiligen Betriebe kommen je nach Bedarf zum Zug. So verbleibt die Wertschöpfung in der Region. Den Bauherren werden lückenlose Angebote erstellt, damit nach Fertigstellung auf keinen Fall höhere Kosten anfallen, als veranschlagt.

Aber Eduard Reisinger und Gernot Huber legen noch einen weiteren Lösungsansatz für finanziell herausfordernde Zeiten offen: In den vergangenen Wochen haben die beiden intensiv an einem Konzept für Flüchtlingsquartiere gearbeitet – zwei mit Plänen, Berechnungen und Schriftverkehr gefüllte Leitz-Ordner zeugen davon. „Wir müssen aufpassen, dass die Politik nicht alle Aufträge den Konzernen zuschubst. Mit höherwertigen Holzunterkünften bieten wir ein System an, das nicht nur jetzt besser funktioniert, sondern auch in Zukunft, wenn viele Flüchtlinge unser Land vielleicht wieder verlassen werden." Die Regierung in München habe bereits Interesse am Pitzer-Huber-Quartierdesign bekundet. Im eigenen Land fanden die beiden Holzbau-Meister bisher nur wenig Gehör.

Aber: „Wir lassen uns auch hier auf keinen Fall unterkriegen", so ihr einstimmiger Tenor.

_mr

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